Im Museum der Ohnmacht?

Eine Antwort auf J.D. Vance

„Vance hasst Europa.“ Diese Schlagzeile aus einer deutschen Zeitung  von heute, stehen wie ein Menetekel über den transatlantischen Beziehungen des Jahres 2026. Es geht dabei um mehr als nur politische Differenzen über Grönland oder Verteidigungsausgaben; es geht um eine fundamentale Verachtung für das liberale Modell. Wenn J. D. Vance Europa als „Museum der Ohnmacht“ bezeichnet und die Trump-Administration im Inneren durch Nationalgarde, paramilitärische ICE-Truppen und eine Welle willkürlicher Entlassungen ein Klima der Einschüchterung schafft, dann ist das kein politisches Programm – es ist eine psychologische Belagerung.

Doch die eigentlich beunruhigende Frage ist nicht, was Männer wie Trump, Vance oder Marco Rubio tun, sondern warum das System ihnen so wenig entgegensetzt. Haben wir, die Bürger der westlichen Demokratien, schlicht vergessen, wie man frei ist?

Die Affeninsel: Ein rituelles Gefängnis

Ein Blick in die Literaturgeschichte hilft, diesen Zustand zu begreifen. In seiner Parabel „Die Affeninsel“ beschreibt Robert Musil eine Gesellschaft von Affen, die auf einem künstlichen Eiland leben. Am Boden, in einer absurden Hundehütte, residiert ein Königspaar. Die „Untertanen“ leben oben in den Ästen eines kahlen Baumes.

Das Faszinierende – und Erschreckende – an Musils Beobachtung ist die Mechanik der Macht: Einmal pro Stunde müssen die Affen im Baum vor der bloßen Präsenz der Herrschenden zurückweichen. Obwohl keine physische Gewalt angewendet wird, treibt ein unsichtbarer Druck die Tiere in die äußersten Zweige, bis sie schließlich den „Absprung“ ins Ungewisse wagen. Sie fliehen nicht vor einem Angreifer; sie fliehen vor der sozialen Angst, dem System nicht mehr zu entsprechen.

Die Geopolitik des Gehorsams

Parallelen zur Gegenwart drängen sich auf. Die Drohgebärden aus Washington wirken wie das Erscheinen des Königspaars am Boden der Insel. Wenn Vance mit dem Entzug des Schirmes droht oder Trump die Nationalgarde in US-Metropolen als Drohkulisse auffährt, reagiert das moderne Europa oft wie Musils Baumaffen: mit einem hektischen Rückzug in die Defensive, mit vorauseilender Anpassung oder gelähmter Schockstarre.

Wir erleben eine Zeit, in der die Macht nicht mehr durch Argumente überzeugt, sondern durch die permanente Erzeugung von Unsicherheit regiert. Die willkürlichen Entlassungen im US-Staatsapparat waren das Signal und Inszenierungen wie Elon Musks demonstrativer Auftritt mit der Kettensäge, mit der er die staatliche Ordnung zerspant, war das Fanal dieses neuen Verständnisses von Macht. Niemand ist sicher. Und wer sich unsicher fühlt, hört auf, ein freies Individuum zu sein, und wird zum Teil einer instinktgesteuerten Masse.

Freiheit ist wie ein Acker, dessen Fruchtbarkeit es zu bewahren gilt

Musil zeigt uns: Die Affen sind nicht gefangen, weil der Wassergraben unüberwindbar wäre. Sie sind gefangen, weil ihr Verhalten mechanisch geworden ist. Sie haben die Fähigkeit zur freien Entscheidung gegen den Reflex des Gehorsams eingetauscht.

Das ist auch meine Diagnose für unsere Zeit: Wir haben Freiheit zu lange als einen statischen Besitz betrachtet – als etwas, das man „hat“ wie ein Sparkonto. Aber Freiheit ist kein Naturzustand, der einfach da ist, solange man ihn nicht zerstört. Sie gleicht vielmehr einem Acker, der dem Unfrieden und der Willkür mühsam abgerungen wurde. Ein Acker bleibt nur fruchtbar, wenn er permanent bestellt, gepflegt und von den Schädlingen der Ignoranz befreit wird. 

In Musils Parabel haben die Affen aufgehört, ihren Boden zu bestellen und sich auf den kahlen Baum der Passivität zurückgezogen. Doch ein Acker, der brach liegt, verkrustet. Er verliert die Fähigkeit, die Saat der Vielfalt aufgehen zu lassen. Wenn wir heute zusehen, wie Institutionen ausgehöhlt und Diskursräume durch Angst verengt werden, dann ist das der Moment, in dem der Boden der Freiheit beginnt, zu versteppen. 

Die Freiheit zu erhalten, ist kein feierlicher Akt, sondern die tägliche, oft staubige Arbeit am Fundament unserer Gesellschaft. Wer die Pflege des Ackers aus Bequemlichkeit oder Angst vernachlässigt, darf sich nicht wundern, wenn er am Ende nur noch Dornen erntet.“

In Jahrzehnten des Wohlstands und der Stabilität haben wir verlernt, die Unsicherheit der Freiheit auszuhalten. Wir sehnen uns unbewusst nach der Einfachheit des „Affenfelsens“, in dem die Hierarchien klar und die Verantwortungen abgegeben sind. Trump und Vance sind nur deshalb möglich, weil sie in ein Vakuum der Autonomie stoßen.

Fazit:

Wenn wir uns weigern, den rituellen Absprung der Baumaffen zu vollziehen, verliert die Tyrannei am Boden ihre Macht.

Die wahre Gefahr sind nicht Leute wie Vance, Steven Miller, Marco Rubio, Christine Noem im Machtapparat von Donald Trump. Die wahre Gefahr ist, dass wir uns so sehr an das Ducken gewöhnen, bis wir das aufrechte Gehen für eine unnatürliche Haltung halten. 

Und Gott sei Dank gibt es in den USA auch Männer wie Bernie Sanders oder den Kongressabgeordneten und ehemaligen Kriegsveteran und Astronauten Mark Kelly, der uns und seine Landsleute mahnt: „You must not obey illegal orders”.

Denn letzten Endes sind es der Respekt vor demokratisch ausgehandelten Gesetzen, der unsere Freiheit bestimmt, und nicht die fragwürdige “My own morality” des amerikanischen Präsidenten.

Der Gehorsam gegenüber illegalen Befehlen ist der Moment, in dem wir den Spaten aus der Hand legen und den Acker der Demokratie der Willkür der autoritären Führer überlassen.

hier geht es zu Musils Text über die Affeninsel