Der Wind des Wechsels
Der Wind der Veränderung ist längst aufgekommen. Die Frage ist nicht mehr, ob sich unsere Energieversorgung verändert. Die Frage ist, wie wir diese Veränderung gestalten – und welchen Preis wir dafür zu zahlen bereit sind.
„Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Windmühlen – und die anderen Mauern.“ sagt man.
1991 entstand auf dem Goldberg bei Ormont der erste Windpark im deutschen Binnenland. Ich war damals Mitglied des Gemeinderats und habe mich für das Projekt ausgesprochen.
Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einem Vertreter eines großen Energiekonzerns. Seine Einschätzung: Windenergie werde nur einen marginalen Beitrag leisten können. Auf Atomkraft und Braunkohle könne man deshalb nicht verzichten.
Heute wissen wir, dass es anders gekommen ist. 2025 stammten bereits 55,1 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien. Windenergie ist inzwischen die wichtigste erneuerbare Stromquelle. Was 1991 auf dem Goldberg noch als marginale Technologie galt, erzeugt heute allein mit Wind mehr Strom, als Deutschlands Braun- und Steinkohlekraftwerke zusammen produzieren.
Was damals als Randerscheinung galt, ist heute ein wesentlicher Teil unserer Energieversorgung.
Und der Wandel geht weiter. Wir elektrifizieren Mobilität, Wärme und Industrie und versuchen gleichzeitig, Energie effizienter zu nutzen.
Das bedeutet: Wir müssen Energie sparen und werden trotzdem mehr Strom brauchen.
Dafür brauchen wir erneuerbare Energien, Netze, Speicher und neue technische Lösungen.
Aber nichts davon ist kostenlos. Jede Energieversorgung hat ihren Preis.
Wir machen uns noch nicht klar genug, dass wir noch lange für die fossilen Energien von gestern zahlen werden. Manche Rechnungen reichen weit über unsere Generation hinaus: Man denke nur an die Ewigkeitskosten des Bergbaus und an die jahrtausendelange Verantwortung für die Hinterlassenschaften der Atomenergie.
Und wir zahlen mit den Folgen des Klimawandels: mit Schäden und Anpassungskosten, mit den Folgen von Hitze und Extremwetter. Als Eifler haben wir 2021 erlebt, was eine Flutkatastrophe bedeuten kann.
Natürlich hat auch die Energiewende hin zu den erneuerbaren Energien ihren Preis. Windräder verändern Landschaften. Sie brauchen Flächen. Es gibt Vogelschlag und andere Eingriffe in die Natur.
Diese Probleme müssen ernst genommen werden. Aber für mich stellt sich eine einfache Frage:
Warum messen wir die Folgen des neuen Energiesystems oft mit einem anderen Maßstab als die Folgen des alten?
Vielleicht gehören manche dieser Debatten deshalb auch zu den Mauern, die wir gegen den Wind der Veränderung errichten.
Nicht jede Windkraftanlage ist sinnvoll. Nicht jede Entscheidung der Energiewende ist richtig.
Aber wir sollten ehrlich vergleichen: Welche Kosten und Risiken nehmen wir in Kauf – und welche wollen wir vermeiden?
Denn die langfristigen Kosten der alten Energieerzeugung verschwinden nicht. Sie sind eine Hypothek, die wir übernommen haben und deren Belastungen noch Generationen nach uns tragen werden.
Wir können nur entscheiden, ob wir diese Hypothek weiter belasten wollen – oder ob wir möglichst schnell und konsequent den neuen energiepolitischen Pfad einschlagen.
Der Wind der Veränderung weht längst.
Die Frage ist, ob wir Windmühlen bauen – oder Mauern.