Hättet ihr geschwiegen, wäret ihr Philosophen geblieben

Das Bild zu diesem Post samt Begleittext sticht mir in meiner morgendlichen Lektüre des Pioneer-Newsletters ins Auge: Genau in der Diskrepanz zwischen persönlicher finanzieller Sorglosigkeit und wohlfeilen Ratschlägen an die arbeitende Bevölkerung liegt der Kern unserer gesellschaftlichen Entfremdung.

Wenn Akteure, deren eigene Biografien von steilen Karrierepfaden, partei- und verbandspolitischen Netzwerken sowie bestens dotierten Spitzenpositionen geprägt sind, den Menschen predigen, sie müssten eben härter, länger oder flexibler schuften, prallen zwei Welten unversöhnlich aufeinander.

Wer im Handwerk, im Schichtdienst, in der Pflege oder – wie ich – über Jahrzehnte im Klassenzimmer unter permanentem Druck gearbeitet hat, kann solche Appelle nur als Zynismus empfinden. Der Ruf nach längeren Arbeitszeiten, einem späteren Renteneintritt oder dem Aufweichen von Schutzstandards kommt verlässlich von jenen, deren Alltag weder von körperlicher Erschöpfung noch vom Dauerdruck schrumpfender Reallöhne bestimmt wird. Es parliert sich eben leicht aus der Vorstandsetage oder dem Parlamentssessel über mehr Leistungswillen, wenn man das Privileg genießt, sich die eigene Zeit und den Wert der eigenen Arbeit völlig autonom einzuteilen.

Blicken wir auf die Akteure:

Sigmar Gabriel hat vor seinem Parlamentsmandat immerhin zwei Jahre lang als ausgebildeter Lehrer in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Heute beziffern Schätzungen seine jährlichen Gesamteinkünfte aus diversen Aufsichtsratsmandaten und Tätigkeiten auf rund 500.000 bis 800.000 Euro – in guten Jahren inklusive Sonderhonoraren gern auch mehr.

Katharina Reiche stieg direkt nach dem Diplom als Jungpolitikerin ein und wechselte nach ihrem Abgang nahtlos an die Spitze großer Industrie- und Verbandsstrukturen der Energiewirtschaft. Nach Jahren mit Millioneneinkommen (zuletzt geschätzt 1 bis 1,5 Millionen Euro jährlich) ist die persönliche Altersvorsorge längst in trockenen Tüchern. Da fällt der Verzicht auf Vorstandsbezüge nicht mehr existenziell ins Gewicht – an die Stelle des Geldes tritt schlicht der Wunsch nach Macht, politischem Einfluss und historischer Relevanz. Und ewig bleibt man ja nicht Ministerin: Der Drehtüreffekt zwischen Politik und Wirtschaft macht sie und ihre Kontakte für Konzerne danach nur noch wertvoller (siehe Sigmar Gabriel).

Hendrik Wüst wiederum verkörpert den klassischen „Berufspolitiker-Juristen“, dessen Stationen außerhalb des Parlaments (PR-Beratung, Zeitungsverlegerverband) stets eng an das Biotop von Politik und Medien gekoppelt blieben. Im Vergleich zu den beiden anderen mag er mit einem Jahresgesamteinkommen von rund 250.000 bis 280.000 Euro brutto fast wie ein „Geringverdiener“ wirken – zum Leben reicht es freilich auch. Seine Rolle in der „Rent-a-Rüttgers“-Affäre – als Unternehmen im Gegenzug für Sponsoring-Pakete von bis zu 20.000 Euro Parteitagsstände und exklusive Vier-Augen-Gespräche mit dem Ministerpräsidenten versprochen wurden – spricht jedenfalls nicht dafür, dass er die Welt aus der Perspektive der arbeitenden Bevölkerung wahrnimmt.

Mein Rat an das Trio lässt sich mit Boethius zusammenfassen: „Hättet ihr geschwiegen, wäret ihr Philosophen geblieben“ – oder klassisch: „Si tacuissetis, philosophi mansissetis.“

Und wer jetzt meint, ausgerechnet bei den Spitzenleuten der „Blauen“ fände sich das Gegenmodell, erliegt der nächsten Illusion: Alice Weidels Privatvermögen aus früheren Tagen in der Hochfinanz und gut dotierten Mandaten wird von Medien und Finanzportalen auf 1,2 bis 1,5 Millionen Euro geschätzt – die dubiosen Schweizer Parteispendennetzwerke im Hintergrund gar nicht eingerechnet.

Bleibt noch jener prominente Vertreter der „gehobenen Mittelschicht“ ganz an der Spitze: Zwischen fünf und zehn Millionen Euro soll sein Privatvermögen liegen. Ich gönne es ihm – auch wenn ich in meinem Leben noch niemanden kennengelernt habe, der durch reine, ehrliche Hände- oder Kopfarbeit derart reich geworden wäre. Hieße unser Bundeskanzler Paul, würde ich ihm ganz volksnah zurufen: Halt’s Maul, Paul!

Millionäre waren historisch noch nie verlässliche Anwälte der arbeitenden Bevölkerung.